Einordnung · Datenbasis PKS (BKA) und Destatis
Migration und Kriminalität: Zahlen richtig lesen
Zwei Dinge stimmen gleichzeitig, und beide lassen sich belegen. In der Kriminalstatistik tauchen Menschen ohne deutschen Pass häufiger auf, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Und: Diese Statistik zählt Verdachtsfälle, nicht Urteile, und sie unterscheidet nach Pass, nicht nach Herkunft. Wer nur eine der beiden Hälften erzählt, verzerrt das Bild. Hier stehen beide, jede Zahl mit Beleg zum Nachklicken.
Vier Dinge, die man vorher wissen muss
Die Polizeiliche Kriminalstatistik misst etwas sehr Bestimmtes. Diese vier Punkte entscheiden darüber, was jede Zahl weiter unten überhaupt bedeutet.
Tatverdächtig heißt nicht schuldig
Die PKS zählt, wen die Polizei am Ende ihrer Ermittlungen verdächtigt. Ob jemand die Tat begangen hat, entscheidet erst ein Gericht. Viele Verfahren werden eingestellt, andere enden mit Freispruch. Mitgezählt wird sogar, wer gar nicht verurteilt werden kann, etwa Kinder unter 14.PKS 2025 · S. 74
Gezählt wird der Pass, nicht die Herkunft
„Nichtdeutsch“ heißt in dieser Statistik nur: kein deutscher Pass. Wer eingebürgert ist oder als Kind von Eingewanderten hier geboren wurde, zählt als Deutscher. Einen Migrationshintergrund erfasst die PKS ausdrücklich nicht. Auf Fragen nach Herkunft oder Einwanderung gibt sie deshalb keine Antwort, nur auf die Frage nach der Staatsangehörigkeit.PKS 2025 · S. 7
Serientäter zählen nur einmal
Zehn Diebstähle derselben Person in einem Jahr sind zehn Fälle, aber ein Tatverdächtiger. Fälle und Personen darf man deshalb nie gegeneinander rechnen.PKS 2025 · S. 74
Nur was angezeigt wird, steht drin
Die PKS zeigt das „Hellfeld“: Taten, von denen die Polizei erfahren hat. Was niemand anzeigt, fehlt. Mehr Anzeigen oder mehr Kontrollen lassen die Zahlen also steigen, auch wenn nicht mehr passiert ist. Umgekehrt genauso.PKS 2025 · S. 6
Die wichtigsten Zahlen 2025
| Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 | Wert | Beleg |
|---|---|---|
| Erfasste Fälle | 5.508.559 | PKS 2025 · S. 9 |
| Tatverdächtige insgesamt | 2.054.855 | PKS 2025 · S. 11 |
| davon ohne deutsche Staatsangehörigkeit | 823.609 (40,1 %) | PKS 2025 · S. 11PKS 2025 · S. 45 |
| Nichtdeutsche ohne ausländerrechtliche Verstöße | 677.951 (35,5 %) | PKS 2025 · S. 11PKS 2025 · S. 46 |
| Aufklärungsquote | 57,9 % | PKS 2025 · S. 9 |
| Ausländeranteil an der Bevölkerung (Ende 2025) | 14,9 % | Destatis |
Ein Klick auf einen PKS-Beleg öffnet die Originalseite des Berichts direkt daneben, mit markierter Fundstelle.
Sind Ausländer überrepräsentiert?
Ja, deutlich. Der Abstand ist real und lässt sich nicht wegdiskutieren. Interessant wird er erst, wenn man weiß, woraus er besteht.
Drei Anteile, drei verschiedene Bezugsgrößen: die oberen beiden aus der PKSPKS 2025 · S. 45PKS 2025 · S. 46, der untere aus der BevölkerungsfortschreibungDestatis.
Der Satz, der aus dieser Zahl oft wird: „Vier von zehn Ausländern sind kriminell.“ Das steht dort nicht.
Was die Zahl tatsächlich sagt: Sie beschreibt, wie sich die Gruppe der Tatverdächtigen zusammensetzt, nicht wie viele Menschen einer Gruppe straffällig werden. Rechnet man die 677.951 nichtdeutschen Tatverdächtigen auf die nichtdeutsche Bevölkerung um, waren rund 5 von 100 tatverdächtig, bei Deutschen rund 2 von 100. Auch diese 5 sind noch zu hoch gegriffen, aus dem Grund, der gleich unter Punkt 2 steht.PKS 2025 · S. 46
Woraus der Abstand entsteht
Delikte, die fast nur Ausländer begehen können. Unerlaubte Einreise und unerlaubter Aufenthalt sind ohne deutschen Pass praktisch nicht möglich. 2025 waren bei diesen ausländerrechtlichen Verstößen 176.282 von 177.397 Tatverdächtigen NichtdeutschePKS 2025 · S. 41. Rechnet man sie heraus, bleiben 35,5 % statt 40,1 %.
Nicht jeder in der Statistik wohnt hier. Touristen, Durchreisende, Pendler, Saisonarbeiter und Menschen ohne legalen Aufenthalt können tatverdächtig werden, zählen aber nicht zur gemeldeten Bevölkerung. Sie stehen also oben im Bruch und fehlen unten. Jeder Pro-Kopf-Vergleich fällt dadurch für Nichtdeutsche schlechter aus, als er ist. Das BKA weist selbst darauf hinPKS 2025 · S. 71PKS 2025 · S. 69.
Die Gruppen sind verschieden zusammengesetzt. Unter Ausländern sind mehr junge Männer, und junge Männer sind in jeder Bevölkerungsgruppe häufiger tatverdächtig. Dazu kommen laut BKA Risikofaktoren wie eigene Gewalterfahrungen und beengte Wohn- und LebensverhältnissePKS 2025 · S. 50. Verglichen werden also nicht zwei gleich gebaute Gruppen.
Und was bleibt? Ein Abstand. Auch ohne ausländerrechtliche Verstöße stehen 35,5 % der Tatverdächtigen einem Bevölkerungsanteil von 14,9 % gegenüber. Einordnen heißt nicht wegrechnen. Es heißt zeigen, woraus eine Zahl besteht, bevor man mit ihr argumentiert.
Und wie viele werden wirklich verurteilt?
Verurteilungen zählt nicht die Polizei, sondern die Justiz, in der Strafverfolgungsstatistik des Statistischen Bundesamts. 2024 wurden 632.115 Personen rechtskräftig verurteiltDestatis, PM 452/2025, davon 257.804 ohne deutsche Staatsangehörigkeit, also 40,8 %Destatis, Strafverfolgung 2024. Die PKS zählte im selben Jahr über zwei Millionen Tatverdächtige. Von der Anzeige bis zum Urteil ist es ein Trichter, in dem auf jeder Stufe Verfahren ausscheiden.
Warum man die beiden Zahlen nicht gegeneinander rechnen darf
Das BKA schreibt selbst, dass sich die PKS mit den Statistiken der Justiz nicht vergleichen lässtPKS 2025 · S. 7. Vier Gründe dafür:
- Viele Verfahren werden eingestellt, bei kleinen Taten auch dann, wenn die Schuld feststeht, etwa gegen eine Geldauflage.
- Die Justiz zählt pro Verfahren nur die schwerste Straftat, und dieselbe Person kann in mehreren Verfahren auftauchen.
- Die Strafverfolgungsstatistik enthält Straßenverkehrsdelikte, rund ein Viertel aller Verurteilungen. Die PKS enthält sie nicht.
- Zwischen Tat und rechtskräftigem Urteil liegt oft mehr als ein Jahr. Die Jahrgänge decken sich also nicht.
Die Strafverfolgungsstatistik ist eine Vollerhebung aller Bundesländer und bundesweit vergleichbar seit dem Berichtsjahr 2007GENESIS 24311-0002. Woher die verurteilten Ausländer kommen, steht mit allen Vorbehalten in unserer Auswertung Herkunft der Verurteilten.
Wie stehen die Parteien dazu?
Die Positionen zu Migration, Asyl und Abschiebungen aus den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2025 stehen auf einer eigenen Seite, jedes Zitat wörtlich und mit Link ins Original-PDF. Bewusst getrennt von den Zahlen: Alles hier lässt sich gegen eine amtliche Quelle nachrechnen, die Auswahl eines Zitats dagegen nicht. Das eine soll nicht für das andere geradestehen müssen.
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